Lehren aus 1981

Uschi Grandel, Belfast (junge Welt vom 17.8.2016)

Großdemonstration am 14.8.2016 im irisch-republikanischen West Belfast in Erinnerung an die Hungerstreiks von 1981 / Was bedeutet der Brexit für Nordirland: Die Folgen sind bereits sichtbar. Aber die Kampagne gegen den Austritt aus der EU und für ein wiedervereinigtes Irland hat bereits begonnen.

Aus den Kämpfen von damals Kraft für heute schöpfen.

Tausende erinnerten am vergangenen Sonntag in Belfast an die irisch-republika-nischen Gefangenen, die in den Hungerstreiks des Jahres 1981 ihr Leben verloren. Hunderte Gefangene kämpften damals im Hochsicherheits-Gefängnis Maze (Long Kesh, H-Blocks) und im Frauengefängnis von Armagh gegen die britische Gefängnispolitik, die ab März 1976 inhaftierte Mitglieder der IRA (Irish Republican Army) und der kleineren INLA (Irish National Liberation Army) nicht länger als politische Gefangene anerkennen wollte.

  • Die Blanketmen, die ‚Männer in Decken‘, führen den Gedenkzug an. Der Gefängnisprotest startete am 1. März 1976, weil die britische Regierung ab diesem Datum neu inhaftierte Mitglieder der irisch-republikanischen Organisationen IRA und INLA nicht wie bisher als „politische Gefangene“ anerkennen wollte. Dies bedeutete, dass die Inhaftierten das Recht verlieren sollten, zivile Kleidung zu tragen oder die Gefängnisarbeit zu verweigern. Sie sollten sich nicht von anderen Gefangenen unterscheiden und als „Kriminelle“ gelten. Der erste Gefangene, den diese Regelung traf, war Kieran Nugent. Er weigerte sich, Gefängniskleidung zu tragen und wurde der erste „Blanketman“.

Abertausende gingen damals in Solidarität mit den Hungerstreikenden auf die Straße. Sie konnten nicht verhindern, dass zwischen Mai und August 1981 zehn Männer starben. Bobby Sands und Kieran Doherty wurden kurz vor ihrem Tod in das britische Parlament Westminster, bzw. in das Parlament Dáil im Süden Irlands gewählt. Wie sehr die Kämpfe dieser Periode die Menschen in Irland noch heute bewegen, konnte man in den letzten Tagen beobachten. Der neue Dokumentarfilm „Bobby Sands: 66 days“, der Anfang August in die irischen Kinos kam, brach bisher alle Rekorde. Anhand der 66 Tage des Hungerstreiks des charismatischen IRA-Mitglieds erzählt der Film mit Rückeinblendungen und Interviews die Geschichte der Gefängnisproteste vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts.

Die Jugend als Motor für Veränderung

Zurück zum Sonntag: Junge Frauen und Männer der irischen Linkspartei Sinn Féin hatten die Organisation der Belfaster Gedenkdemonstration übernommen. In ihren Abschlussreden zogen sie Lehren aus 1981 für die Gegenwart. Megan Fearon, mit 25 Jahren die jüngste Abgeordnete des nordirischen Regionalparlaments, sieht sich als „republikanische, sozialistische und feministische“ Aktivistin. Sie erinnert in ihrer Rede daran, dass der Hungerstreik nicht nur den Versuch der britischen Regierung unter Margaret Thatcher zum Scheitern brachte, die annähernd tausend irisch-republikanischen Gefangenen zu kriminalisieren. Er politisierte und mobilisierte auch eine ganze Generation junger Menschen. Auch heute sei die Jugend Motor für Veränderungen und für den Kampf um eine gerechte Gesellschaft.

Brexit – Vereinigtes Irland als Ausweg?

Das sieht auch Paul Maskey so. Das Sinn Féin-Mitglied aus West Belfast ist Abgeordneter des britischen Unterhauses. Als Kämpferin für die Unabhängigkeit von London und für die Wiedervereinigung Irlands nimmt die Partei die dort errungenen Sitze nicht ein, nutzt die Mandate jedoch für ihre politische Arbeit. Die starke Anti-Austeritäts-Bewegung oder auch der Erfolg des Referendums zur gleichgeschlechtlichen Ehe in der Republik Irland seien vor allem als Ausdruck einer neuen irischen Jugendbewegung, erklärt Maskey im Gespräch mit junge Welt. Diese Bewegung könnte in der Auseinandersetzung um die Folgen des Brexit-Referendums eine wichtige Rolle spielen. In Nordirland hatte eine Mehrheit der Bevölkerung für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt, obwohl die beiden großen pro-britischen Parteien DUP und UUP die Brexit-Kampagne der britischen Rechten unterstützt hatten. Angesichts einer drohenden EU-Außengrenze mitten durch Irland und der Folgen für die etwa 6,5 Millionen Menschen, die auf der Insel leben, sehen viele plötzlich ein vereinigtes Irland als Option.

Das nordirische Friedensabkommen von 1998 sieht ein Referendum zu dieser Frage vor, sobald eine Mehrheit wahrscheinlich ist. Die pro-britische Tageszeitung Belfast Telegraph hat ihre Leser erst kürzlich dazu befragt. 80% der Befragten befürworten ein solches Referendum. 66% von ihnen würden sogar für ein vereinigtes Irland stimmen. Angesichts der Stimmung im Land sehen sich die konservativen Hardliner der DUP zu einer Brexit-kritischen Haltung genötigt. Letzte Woche wurde ein Brief der nordirischen Regierungschefin Arlene Foster von der DUP und ihres Stellvertreters Martin McGuinness von Sinn Féin an die britische Premierministerin Theresa May bekannt, in dem beide gemeinsam klare Aussagen zu den sozialen und wirtschaftlichen Folgen für Nordirland einfordern. Sinn Féin hat bereits mit der Diskussion begonnen, wie eine neue irische Gesellschaft aussehen könnte. „Es ist unsere Aufgabe, die Vision (einer gerechten Gesellschaft) von 1981 Realität werden zu lassen“, sagte Megan Fearon in ihrer Rede.

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